Ferdinand Richheimer und Familie

Ferdinand wurde am 25. Juli 1875 in Gemmingen mit dem Namen Fauber geboren; so hieß auch schon der Großvater. Als die Familie von Gemmingen nach Karlsruhe zog, war er noch nicht drei Jahre alt. Welche Schule er besuchte, ist nicht mehr feststellbar.
Von 1893 bis 1895 machte er eine kaufmännische Lehre, mutmaßlich bei der bedeutendsten Ledergroßhandlung J. Weil & Cie. Von August 1895 bis September 1896 absolvierte er seinen Wehrdienst. Danach war er - bis 1900 - wieder in seiner Lehrfirma tätig, als „Kommis”, wie es hieß. 1901 machte er sich selbständig mit einem Ledergroßhandel, seine Geschäftsadresse war das väterliche Haus.

Am 23. März 1905 heiratete er in Heilbronn die hier am 12. November 1884 geborene Frieda Richheimer, älteste Tochter von Ferdinand Richheimer (ebenfalls als Fauber in Gemmingen geboren) und Bertha Strauß. Frieda Richheimer war eine entfernt verwandte Cousine von Ferdinand Richheimer. Am 9. August 1907 wurden der Sohn Fritz und am 24. April 1909 die Tochter Ilse in Karlsruhe geboren. Die junge Familie lebte im Hause von Ferdinand Richheimers Eltern in der Durlacher Straße. Als der Krieg ausbrach, wurde Ferdinand Richheimer sofort eingezogen und machte auch den ganzen Krieg mit. Frieda Richheimer stellte sich aus patriotischer Überzeugung, wie der Sohn Fritz bekundete, als Arzt-Assistentin - gemeint ist wohl als Hilfskraft, denn sie hatte keine medizinische Ausbildung - dem Großherzoglich-Badischen Roten Kreuz zur Verfügung und wurde in einem Lazarett eingesetzt; wo dies war, ist nicht dokumentiert. Infolge dessen war sie nicht in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern. Diese kamen in Internate, Fritz nach Waldkirch bei Freiburg, der Aufenthalt von Ilse ist nicht nachweisbar. Am 24. Juni 1920 starb Frieda Richheimer, 35-jährig, in Karlsruhe. Dass für ihren frühen Tod der „Kriegs-Einsatz” mit einer verschleppten Krankheit ursächlich war, ist nicht auszuschließen.

Ferdinand Richheimer heiratete noch im gleichen Jahr - am 29. Dezember 1920 - in Steinsfurt die hier am 27. September 1895 geborene Johanna Weil, zweitälteste Tochter von insgesamt sechs Kindern des Kaufmanns Gustav Weil und seiner Frau Mathilde Menges. Nach seiner Heirat finden wir die Familie in Karlsruhe am Haydnplatz 2, 1925 in der Baischstraße 5 und in den Jahren 1926 bis 1930 in der Hirschstraße 62 und Geschäftsräumen in der Rüppurrerstraße 2a, 1931 und 1932 in der Tullastraße 69. Am 3. Dezember 1928 wurde der Sohn Adolf in Karlsruhe geboren. Im Oktober 1929 ging die Firma - wohl im Sog der Weltwirtschaftskrise - in Konkurs. Ferdinand Richheimer versuchte sich ab 1930 in kleinem Umfang mit Herstellung und Vertrieb von Metzger-Wäsche und -bekleidung, durch die schwierige Wirtschaftssituation jedoch mit kümmerlichem Erfolg, zum Leben für die Familie reichte es nicht, so dass der Sohn Fritz zum Haupternährer der Familie wurde, wie dieser im Wiedergutmachungsverfahren erklärte.

[Über die beiden Kinder aus Ferdinand Richheimers erster Ehe wird berichtet, dass Fritz nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung durchlief, während Ilse nach der Mittleren Reife eine Ausbildung als Konzert-Pianistin erhielt.]

1932 lebte die jetzt fünfköpfige Familie in der Melanchthonstraße 3 in Karlsruhe in einer gut eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung. Ende 1933 floh die gesamte Familie nach Frankreich unter Zurücklassung der gesamten Wohnungseinrichtung. War es Panik nach der Machtübernahme Hitlers? War es weitsichtige Vorausahnung der kommenden Ereignisse? Ihr Weg führte sie zunächst nach nach Straßburg, von da nach Colmar. Hier wurden sie von der Jüdischen Gemeinde aufgenommen und unterstützt. Als ihnen dort 1934 die Aufenthaltserlaubnis entzogen wurde, gingen sie nach Spanien und lebten in Barcelona. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges 1936 finden wir die Familie - nach einer abenteuerlichen Flucht mit einem vor Barcelona liegenden britischen Kriegsschiff, zusammen mit anderen Flüchtlingen in Marseille. Von dort aus ging die Familie direkt nach Paris, Ilse Richheimer blieb jedoch in Marseille. (...)
Ferdinand Richheimer konnte in Frankreich beruflich nicht mehr Fuß fassen; wovon die Familie lebte, bleibt ungeklärt.
(...)
Johanna Richheimer und ihr Sohn Adolf wurden Anfang Juli 1942 durch die Gestapo in Paris verhaftet und im Velodrome d’Hiver interniert. Am 21. Juli 1942 wurden sie in das Sammellager Pithiviers (bei Orleans) gebracht, von dort am 3. August 1942 mit Transport Nr. 14 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.034 Personen, darunter 110 Kinder. 482 Personen wurden nach Ankunft sofort vergast, 22 Männer und 542 Frauen wurden selektiert, darunter auch Johanna Richheimer, denn laut ITS (International Tracing Service) Arolsen vom 6. Dezember 1990 ist sie am 4. September 1942 in Auschwitz verstorben, Diagnose: allgemeine Körperschwäche - sie hat also noch genau einen Monat in Auschwitz gelebt (Häftlingsnumer 27596). Der Sohn Adolf wurde bei Ankunft von ihr getrennt und mit allen anderen Kindern zusammen sofort vergast.

Ferdinand Richheimer wurde am 23. Oktober 1942 in Paris verhaftet. Als seine Frau mit Sohn in Paris verhaftet wurden, befand er sich auf einer Reise nach Tours. Von Paris kam er nach Chalon sur Seine und von dort am Folgetag in das Sammellager Drancy bei Paris. Am 6. November 1942 kam er mit Transport Nr. 42 nach Auschwitz. Der Transport umfasste 1.000 Personen, 773 wurden nach Ankunft sofort vergast, 145 Männer und 82 Frauen wurden selektiert; 4 Personen überlebten die Befreiung von Auschwitz 1945.

(Dies ist ein Ausschnitt aus der Biographie für die Familie Richheimer in dem Gedenkbuch für die Karlsruher Juden. (♦) Das Stadtarchiv Karlsruhe hat uns freundlicherweise die Übernahme aus dem 2006 von Wolfgang Strauß verfaßten Text gestattet.)

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